🎧 Zwischen Wort und Stimme
Dieser Artikel ist Teil meiner Hörbibliothek „Zwischen den Worten“.
Beziehungen sind wahrscheinlich das Schönste und das Schwierigste zugleich, und je näher uns ein Mensch steht, desto herausfordernder wird es – für beide Seiten. Aber warum ist das so?
Wir lernen jemanden kennen, verlieben uns in diesen Menschen, wollen am liebsten jede Sekunde bei ihm sein und zeigen uns von unserer besten Seite. Und da beginnt sie, die Selbstsabotage in Beziehungen, die meistens ganz unbewusst abläuft. Denn wenn wir uns verbiegen, um dem anderen zu gefallen, wie soll er uns dann wirklich sehen?
Wenn du in diese Thematik noch etwas tiefer einsteigen möchtest, lies gerne auch meinen Blogartikel ‚Warum Beziehungen oft komplizierter wirken als sie sind – und was Erwartungen damit zu tun haben‘.
Warum wir uns in Beziehungen anpassen
Den Wunsch, einem Menschen zu begegnen, bei dem wir uns fallen lassen können, dem wir alles erzählen können, was uns im Innersten bewegt und dem wir aus tiefstem Herzen vertrauen können, kennen wir wahrscheinlich alle.
Und ab und an haben wir das Glück, solch einem Menschen zu begegnen. Wir lachen miteinander, verbringen viele Stunden in Zweisamkeit, reden stundenlang über Gott und die Welt – bis sich über dieses reine Gefühl des Verbundenseins unaufhaltsam ein grauer Schleier legt. Eine Irritation hier, ein kleiner Zweifel da – und schon sind wir mitten drin.
Wir halten einen kurzen Moment inne, bevor wir dem anderen unsere Gedanken verraten. Wir ziehen unseren Lieblingspulli nicht mehr zu einem Treffen an, weil wir das Gefühl haben, dass er dem anderen nicht gefällt. Wir stimmen dem Urlaubsziel zu, obwohl wir viel lieber in die Berge fahren würden als ans Meer. Und ohne es richtig mitzubekommen, verliert die Verliebtheitsphase ihre faszinierende Unschuld.

Wenn wir einander noch mit Neugierde begegnen
Was, wenn die rosarote Brille gar nicht das Problem ist?
Sehr schnell kommt dann der Gedanke auf, dass die Beziehung jetzt eben im Alltag angekommen ist. An dieser Stelle möchte ich dich gerne zu einem Gedankenexperiment einladen. Hast du Lust dazu? Denn meine These über diese vielzitierte rosa Brille ist eine ganz andere.
Stell dir vor, dass zwei Menschen in dieser ersten Phase des Kennenlernens keine rosa Brille aufsetzen, sondern ihre Alltagsbrille ablegen. Sie nehmen sich gegenseitig mit ganz unschuldigen Augen und Herzen wahr. Keine Bewertungen darüber, was man sagen oder wie man sein sollte. Keine Erwartungen darüber, was der andere tun oder lassen sollte. Einfach pure Neugierde auf diesen Menschen, der da vor einem steht.
Erst mit der Zeit, wenn wir uns des anderen immer sicherer werden, setzen wir ab und an diese Alltagsbrille wieder auf. Dann nehmen wir Verhaltensweisen am anderen wahr, die uns irritieren, obwohl sie uns vorher vielleicht fasziniert haben. Dann erwarten wir eine bestimmte Reaktion auf unsere Idee für den Abend und sind enttäuscht, dass der andere vielleicht zu müde ist und lieber einen gemütlichen Sofaabend möchte.
Das Gemeine daran ist, dass wir diese Alltagsbrille aus Gewohnheit aufsetzen und es gar nicht bemerken. Aber was wir bemerken, ist, dass der andere auf einmal anders ist. Und das fühlt sich nicht mehr so stimmig an.
Wenn wir unseren Vorstellungen begegnen statt dem anderen
Das hat aber in meinen Augen nichts mit der fehlenden rosaroten Brille zu tun, sondern mit unseren Vorstellungen. Mit der Vorstellung, die ich von dem anderen habe und vor allem mit der Vorstellung, die ich darüber habe, wie der andere mich sieht und was er an mir mag.
Und auf Grundlage dieser Vorstellungen – die beide unabhängig voneinander durch ihre Alltagsbrille in diese frische Beziehung mit reinbringen – begegnen wir uns im Alltag. Es braucht wahrlich nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, wo das endet.
Wie soll jemand sehen, wer du bist, wenn du dich nicht zeigst?
Aus der puren Neugierde wird also mit der Zeit eine Erwartungshaltung, die zwei Menschen trennt statt sie zu verbinden.
Ein Teufelskreis, denn beide erleben immer wieder kleine Enttäuschungen und Verletzungen. Sie ziehen sich immer mehr zurück und werden vorsichtiger. Beide halten irgendwann mit ihren Wünschen und Bedürfnissen zurück, weil sie befürchten, der andere würde sie deshalb ablehnen oder weil sie vielleicht denken, den anderen damit zu verletzen.
Die Folge ist, dass sich diese zwei Menschen gar nicht mehr so sehen und erleben können, wie sie eigentlich sind.
Was unschuldig angefangen hat, endet meistens darin, dass sich zwei Menschen gegenüberstehen, die die Verbindung zueinander verloren haben. Und das, obwohl sie vielleicht am Anfang ihrer Beziehung davon überzeugt waren, den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen zu wollen.

Sich selbst wieder wahrnehmen
Echte Verbindung beginnt bei uns selbst
Um aus dieser verfahrenen Situation wieder rauszukommen oder erst gar nicht dort zu landen, sind aus meiner Sicht zwei Dinge wichtig.
Erstens – und das ist der wichtigere Part – muss ich mich selbst sehr gut kennen. Denn erst, wenn ich selbst weiß, was ich in einer Situation fühle und wovor ich vielleicht Angst habe, und wenn ich weiß, was ich mir von meinem Partner wünsche, um glücklich und zufrieden zu sein, erst dann kann ich zu meinen Bedürfnissen stehen. Und erst dann kann ich mich so zeigen, wie ich wirklich bin. Mit allen meinen Ecken und Kanten.
Und dann passiert interessanterweise etwas, das wir uns so sehr wünschen: Der Partner sieht uns so, wie wir sind.
Zweitens – und das ist wahrscheinlich die größere Herausforderung – den anderen so zu sehen, wie er ist. Ohne die eigenen Vorstellungen, wie er sein sollte, darüber zu legen. Dazu ist es wichtig, zu unterscheiden, was ich wirklich über ihn weiß und was ich in sein Handeln und Sprechen reininterpretiere.
Bei beiden kann uns das intuitive Schreiben eine große Hilfe sein.
Ein Schreibimpuls für einen neuen Blick auf deine Beziehungen
Das Schreiben ermöglicht es uns, wieder eine Verbindung zu uns selbst herzustellen. Und das Schöne daran ist, dass es relativ schnell geht. In meinem Blogartikel ‚Journaling lernen: Die besten Methoden und therapeutischen Alternativen‘ kannst du tief eintauchen und das Schreiben in all seinen Facetten kennenlernen.
Was du brauchst, sind Stift und Papier, 10–20 Minuten Zeit, einen Raum, in dem du dich zurückziehen kannst, Offenheit, alles kommen zu lassen, was sich dir zeigen will, und Ehrlichkeit – dir selbst gegenüber.
Schritt 1
Geh gedanklich durch dein Leben und such dir irgendeine Beziehung, mit der du dich ein wenig beschäftigen möchtest.
Schritt 2
Überlege dir dann, wie du diesen Menschen kennengelernt hast. Was hat dich an ihm fasziniert? Was hast du gefühlt, gedacht? Was hattet ihr für Pläne? – Einfach alles, was dir zu dieser Startphase eurer Beziehung einfällt.
Nimm dann ein Blatt Papier und mach dir dazu Stichpunkte.
Schritt 3
Dann schau mal, was sich verändert hat. Was hat dich gestört? Was hast du vermisst? Welche Diskussionen kamen immer wieder auf?
Nimm ein zweites Blatt und mach dir auch dazu Stichpunkte.
Schritt 4
Dann lege beide Blätter nebeneinander und vergleiche sie. Gibt es Punkte, die sich überschneiden?
Nimm ein drittes Blatt und schreibe 10 Minuten alles auf, was dir auffällt.
Bei diesem Schreiben kommt es nicht darauf an, dass ein ‚schöner‘ Text am Schluss vor dir liegt. Das Wichtigste ist, dass du alles aufs Papier fließen lässt, was dir in den Sinn kommt. Ohne zu bewerten oder zu hinterfragen.
Du musst dich nicht verbiegen, um gesehen zu werden
Wenn wir mit uns selbst wieder verbunden sind, gibt es keinen Grund mehr, sich für andere zu verbiegen. Denn dann sind wir echt und unser Gegenüber kann auf uns reagieren, weil er uns spüren und wirklich sehen kann.
Meine stille 3-Tages-Reise ‚Connect Yourself‘ ist ein erster Schritt, wieder mit dir selbst in Verbindung zu kommen und ich lade dich ganz herzlich dazu ein.
Dieser Artikel ist der erste Teil einer zweiteiligen Reihe über Selbstsabotage. Hier ging es darum, wie wir uns in Beziehungen verbiegen und dadurch genau das erschweren, wonach wir uns eigentlich sehnen: wirklich gesehen zu werden. Weiter geht es mit „Wie wir uns durch unsere Bewertungen selbst sabotieren“. Darin schauen wir darauf, wie unsere Bewertungen unseren Blick auf die Welt begrenzen – und warum es so schwer sein kann, sie loszulassen.


