🎧 Zwischen Wort und Stimme
Dieser Artikel ist Teil meiner Hörbibliothek „Zwischen den Worten“.
Manche Menschen bewerten Situationen, Dinge oder Menschen sofort, andere wiederum scheinen allem offen zu sein. Woran liegt das? Und haben wir darauf einen Einfluss? Darüber geht es in diesem Artikel, der sich mit einer Perspektive des Themas „Selbstsabotage“ beschäftigt, die aus meiner Sicht oft vernachlässigt wird, aber einen enormen Einfluss auf unser Leben hat. Wie eng Selbstschutz und Selbstsabotage miteinander verbunden sind, darum geht es in meiner Podcastfolge #2 „Wenn Selbstschutz uns vom Leben trennt“.
Wenn wir an Selbstsabotage denken, fallen uns wahrscheinlich als Erstes Begriffe wie Prokrastination, Perfektionismus oder Selbstkritik ein. Das sind alles Verhaltensweisen, mit denen wir uns – bewusst oder unbewusst – Steine in den Weg legen. Keine Frage.
Was durch dieses Raster aber oft durchfällt, sind unsere eigenen Bewertungen. Also Kategorien wie richtig/falsch, gut/schlecht, sinnvoll/unsinnig, wichtig/unwichtig, besser/schlechter, fair/unfair, erfolgreich/gescheitert. Sie sind uns so vertraut, dass wir sie als gegeben hinnehmen und meist nicht mehr hinterfragen.
Warum wir überhaupt bewerten
Unser Verstand gibt uns im alltäglichen Leben Orientierung und sichert unser Überleben. Er ist so gepolt, dass er ständig Muster erkennen, Entscheidungen treffen und Handlungen steuern will. Damit er das kann, verarbeitet er Reize von außen, indem er sie bewertet und kategorisiert. Das alles geschieht in Sekundenbruchteilen und ohne unser aktives Zutun.
Aus evolutionärer Sicht war dieses automatische Bewerten eine wichtige Überlebensstrategie. Denn in früheren Zeiten war es überlebenswichtig, zu erkennen, was für uns ungefährlich war oder wo eine Gefahr gedroht hat.
Heute sind die meisten dieser konkreten Gefahren längst verschwunden – und trotzdem reagiert unser Verstand immer noch mit denselben alten Schutzmechanismen. Eine bevorstehende Deadline kann sich für unser System fast wie der Angriff eines Säbelzahntigers anfühlen oder die soziale Ablehnung im Büro wie eine physische Bedrohung.
Neben diesen evolutionären Aspekten gibt es aber noch einen weiteren, sehr prägenden Einfluss auf unser bewertendes Verhalten: Das Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind.

Der Kosmos, in dem wir aufwachsen, prägt, wie wir Menschen und Situationen wahrnehmen.
Wir wachsen alle in einem begrenzten Kosmos auf
Abhängig davon, auf welchem Kontinent, in welchem Land, in welcher Region und in welcher gesellschaftlichen Schicht wir geboren sind, wachsen wir in einem Umfeld auf, das uns und unser Erleben prägt. Später kommen dann noch Einflüsse von Institutionen wie zum Beispiel Schule und Kirche dazu, sodass dieser individuelle Kosmos mit dem Eintritt in das Berufsleben meist sehr stark ausgeprägt ist.
Man sagt, dass vor allem die ersten sieben Jahre entscheidend dafür sind, wie wir später auf Menschen und Situationen reagieren. Ob wir zum Beispiel das Leben eher optimistisch oder pessimistisch betrachten. Ob wir einem fremden Menschen eher offen oder vorsichtig begegnen. Ob wir auf Neuerungen eher skeptisch oder neugierig reagieren. All das wird zu einem großen Teil durch das Familiensystem geprägt, in dem wir aufwachsen. Das kann unser Leben bereichern oder einschränken.
Dieser Kosmos ist weder falsch noch richtig. Wichtig ist jedoch, sich zu jeder Zeit darüber bewusst zu sein, dass dies nur eine sehr individuelle Sichtweise ist und seine Grenzen keinesfalls die Grenzen des Lebens darstellen. Denn sonst wird dieser begrenzte Kosmos zum Problem. Für uns selbst, aber auch für die Menschen, die mit uns in Kontakt kommen.
Bewertungen geben uns eine Sicherheit, die es gar nicht gibt
Die Tatsache, dass wir etwas bewerten können, schenkt uns Sicherheit. Und Sicherheit ist ein Ziel, das wir wohl alle verfolgen. Wir wollen uns in der Gesellschaft eines Menschen geborgen fühlen, eine Situation im Griff haben, den Überblick behalten.
Das Trügerische ist, dass sich diese vermeintliche Sicherheit, die wir durch das ständige Bewerten erlangen, für uns so real anfühlt. Sie hat aber eine Schattenseite: Sie ist es nicht. Oder besser gesagt, sie ist nicht allgemeingültig, weil sie nur auf unsere sehr individuelle Sichtweise bezogen ist.
Wenn wir uns in einem Umfeld bewegen, das ähnlich geprägt ist wie wir, fällt uns das vielleicht gar nie auf. Treffen wir aber auf einen anderen kulturellen Kosmos, wie zum Beispiel im Urlaub in einem fremden Land, dann nehmen wir ganz erstaunt wahr, dass diese Menschen vielleicht einen ganz anderen Blick auf zum Beispiel Pünktlichkeit oder den Umgang mit Kindern haben.
Problematisch wird es allerdings, wenn wir uns an diesem anderen Umgang stören. Und da kommt ein dritter Aspekt ins Spiel, der unser Zusammenleben oft unnötig erschwert.
Wenn du dich auf ein Gedankenexperiment einlassen möchtest, empfehle ich dir meine Podcastfolge #4 „Wer bist du jenseits deiner Gedanken?“. Vielleicht begegnen dir dort Impulse, die dich inspirieren.
Moralische Bewertungen machen den Mechanismus besonders sichtbar
Das reine Bewerten in gut oder schlecht, in richtig oder falsch ist schon problematisch genug. Wenn dann auch noch die Moral dazukommt, kann es schnell eskalieren. Dann wird aus dem subjektiven Empfinden von „Ich halte das für falsch“ mit einem Mal eine allgemeingültige Aussage von „Das gehört sich nicht.“
Doch wer entscheidet, was richtig oder falsch ist? Was man tun darf oder nicht? Die staatlichen Gesetze regeln das Zusammenleben und sind Grenzen, an die wir uns alle halten müssen. Aber welche Instanz regelt, wie wir mit Konflikten umgehen, wie wir auf persönliche Empfindungen eingehen oder wie Zuverlässigkeit im Detail aussieht?
Die Kirche hat mit ihren "Zehn Geboten" einen großen Teil der westlichen Gesellschaft tief geprägt. Ich bin in Bayern geboren und erinnere mich noch sehr gut an meine erste Beichte. Ich bin vor dieser abstrakten Auflistung gesessen und habe mir krampfhaft überlegt, welche ‚Sünden‘ ich beichten könnte, damit sie mir mit drei Ave-Marias wieder erlassen würden.
Sobald die Moral ins Spiel kommt, begeben wir uns auf ein Terrain, bei dem es aus meiner Sicht sehr oft nur Verlierer gibt. Denn indem wir uns hinter der Moral verschanzen, müssen wir keine Verantwortung übernehmen. Weder für unser Verhalten noch für unsere Gedanken.
Und noch etwas passiert, was in meinen Augen noch viel entscheidender ist: Wir schließen alle anderen Möglichkeiten aus. Meist ohne sie überhaupt wahrzunehmen oder sie abzuwägen. Was uns zu der spannenden Frage führt: Was passiert, wenn wir aufhören zu bewerten?
Was passiert, wenn wir Bewertung weglassen?
Als Erstes kommt wahrscheinlich der Einwand: „Wie soll ich meinen Verstand bitte dazu bringen, nicht alles zu bewerten? Das geht doch gar nicht!“ Und ja, das ist eine Herausforderung, denn es ist gar nicht so einfach, diesen Automatismus zu verändern.
Die gute Nachricht ist: Es ist möglich. Es braucht etwas Zeit, Übung und viel Geduld. Das achtsame Schreiben kann uns dabei eine große Hilfe sein. Deshalb kommt weiter unten auch ein vierteiliger Schreibimpuls, mit dem du gleich loslegen kannst.
Aber davor möchte ich auf das eingehen, was die unweigerliche Folge ist, wenn wir aufhören zu bewerten. Denn das kann uns davon abhalten, es zu tun.

Wenn wir aufhören zu bewerten, begegnen wir zunächst der Unsicherheit.
Wenn es kein Richtig und Falsch gibt, entsteht Unsicherheit
Wenn uns Bewertung Sicherheit schenkt, entsteht logischerweise Unsicherheit, sobald wir damit aufhören. Das fühlt sich zuerst einmal furchtbar an, denn eigentlich wollen wir uns ja sicher fühlen. Deshalb ist es das Wichtigste bei diesem Vorhaben, diese Unsicherheit zu halten. Sie erst einmal anzunehmen und zu beobachten, was passiert.
Da unser Verstand darauf gepolt ist, uns zu schützen, wird er natürlich aktiv werden. Es kommen vielleicht Gedanken auf wie „Wenn ich nicht weiß, ob es gut oder schlecht ist, dann kann ich nicht richtig reagieren“ oder „Ohne zu wissen, ob das wichtig ist oder nicht, treffe ich vielleicht die falsche Entscheidung.“
Die Herausforderung ist, sich von diesen Gedanken nicht beirren zu lassen und sich dem aufkommenden Gefühl – in den meisten Fällen wird es die Angst sein – zu stellen. Denn nur so können wir sehen, was wirklich ist. Und das ist die Voraussetzung, um wertfrei wahrzunehmen.
Vielleicht fragst du dich jetzt, wie um alles in der Welt das gehen soll.
Mit vier einfachen Schritten
- 1Werde dir bewusst, wann und wo du überall bewertest.
- 2Nimm das aufkommende Gefühl wahr und gib ihm nicht nach.
- 3Beobachte aufmerksam, was sich dir zeigt. – Eines der spannendsten Unterfangen, wie ich finde, denn unsere bisherigen Bewertungen haben uns nicht alle Möglichkeiten erkennen lassen.
- 4Wähle neu.
Der folgende Schreibimpuls kann dir helfen, deine bewussten und unbewussten (moralischen) Bewertungen leichter zu erkennen und das Gefühl dahinter aufzulösen.
Vierteiliger Schreibimpuls
Schritt 1
Geh gedanklich durch deine letzten Wochen oder Monate und schau, in welchen Situationen du bewertest. Nimm dir am besten zwei lose Blätter und schreibe auf das eine die Überschrift „Meine moralischen Bewertungen“ und auf das andere „Meine Bewertungen“.
Lass die beiden Listen gerne auf deinem Schreibtisch liegen und ergänze Punkte, wann immer dir welche einfallen.
Schritt 2
Notiere dir als Nächstes, woher diese Bewertungen kommen könnten. Vielleicht waren deine Eltern dieser Meinung, vielleicht hast du sie aus der Schulzeit übernommen oder vielleicht war sie eine Schlussfolgerung aus einem Erlebnis, das du hattest.
Schritt 3
Suche dir eine Bewertung aus, mit der du dich etwas länger beschäftigen möchtest. Schau sie dir mal ganz genau an. Frage dich: Was für ein Gefühl kommt bei der Vorstellung hoch, nicht zu bewerten?
Am einfachsten geht das, wenn du die Augen schließt und dir eine konkrete Situation noch einmal vorstellst und durchlebst.
Schritt 4
Nimm dir Stift und Papier und schreibe 10 Minuten alles auf, was dir in den Sinn kommt. Ganz wichtig ist dabei, die Hand während dieser Schreibzeit nicht stillstehen zu lassen, sonst schaltet sich der Verstand ein. Und das wollen wir beim Freewriting unbedingt verhindern.
Wenn du mehr über die verschiedenen Möglichkeiten des Schreibens erfahren willst, tauche gerne in meinen Blogartikel „Journaling lernen: Die besten Methoden und therapeutischen Alternativen“ ein. Und wenn dich die Arbeit mit Gefühlen interessiert, kann mein Artikel „Therapeutisches Schreiben im Alltag – Gefühle verarbeiten durch Schreiben“ vielleicht genau richtig für dich sein.

Wir können wählen – und die Verantwortung für unsere Entscheidung übernehmen.
Freiheit bedeutet, wählen zu können
Wenn wir diesem Weg konsequent folgen, verändert sich die Art, wie wir unser Leben erleben. Denn durch diesen neuen Umgang mit dem, was uns im Alltag begegnet, übernehmen wir Verantwortung. Wir wählen – jedes Mal aufs Neue – für welche Wahrheit wir uns entscheiden. Die Frage lautet also nicht mehr: „Was ist richtig?“ Sie lautet: „Wie entscheide ich mich – und bin ich bereit, die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen?“ Und da tritt die Eigenverantwortung an die Stelle der Bewertung.
Je besser wir uns selbst kennen und je mehr wir mit uns verbunden sind, desto leichter fällt es uns, die Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Das therapeutische Schreiben kann uns auf diesem Weg ein wunderbarer Begleiter sein.
In meinen Selbstlernkursen „Die heilende Kraft des Schreibens“ habe ich zu sieben Schwerpunkten Schreibreisen entwickelt, mit denen du unterschiedlichste Methoden und Techniken kennenlernst, die du auch für dich allein in deinem Alltag benutzen kannst. Denn Schreiben ist in meinen Augen eines der effektivsten Tools, um unser Leben in Balance zu bringen und auch nachhaltig im Gleichgewicht zu halten. Und das Schöne ist: Wir brauchen nur etwas Zeit, Papier, einen Stift und Offenheit.
Dieser Artikel ist der zweite Teil einer zweiteiligen Reihe über Selbstsabotage. Begonnen haben wir mit „Selbstsabotage in Beziehungen: Warum wir uns verbiegen, obwohl wir gesehen werden wollen“. Darin ging es darum, wie wir uns in Beziehungen verbiegen und dadurch genau das erschweren, wonach wir uns eigentlich sehnen: wirklich gesehen zu werden. In „Wie wir uns durch unsere Bewertungen selbst sabotieren“ geht es darum, wie unsere Bewertungen unseren Blick auf die Welt begrenzen – und warum es so schwer sein kann, sie loszulassen.

