🎧 Zwischen Wort und Stimme
Ich lese dir diesen Artikel vor.
Die Sehnsucht nach Nähe ist, glaube ich, das, was uns Menschen alle miteinander verbindet. Ein tiefer Wunsch, den wir von Kleinauf in uns tragen. Ein Wunsch von anderen gesehen zu werden, mit ihnen verbunden und ganz nah bei ihnen zu sein. Und gleichzeitig gibt es diese Angst vor Nähe, die uns lähmt, uns Dinge sagen und tun lässt, die wir später bereuen. Paradoxerweise ist diese diffuse Angst umso stärker, je näher uns ein Mensch steht. Denn wenn ein Fremder auf der Straße uns emotional zu nahe kommt, fällt es uns oft viel leichter wieder ein Gleichgewicht herzustellen. Geschieht das in der Partnerschaft oder der Familie, zieht uns diese Angst fast automatisch in einen Sog, aus dem wir erst viel später wieder auftauchen, und der nicht selten die Frage in uns hinterlässt: ‚Was zum Teufel hat mich da eben geritten?‘
Was passiert also in unserem Inneren, dass wir uns konträr zu unserer tiefsten Sehnsucht verhalten und andere Menschen eher vor dem Kopf stossen als ihre Nähe zuzulassen? Welche Automatismen werden – in Sekundenschnelle – aktiviert, denen wir scheinbar hoffnungslos ausgeliefert sind? Die uns in Situationen manövrieren, aus denen wir uns nur mühsam wieder befreien können und die beide Seiten als verletzend erleben? Aber die wohl spannendste Frage lautet für mich: Gibt es aus dieser Miesere einen Ausweg und was haben wir selbst damit zu tun?

Manchmal sehnen wir uns nach Nähe – und ziehen uns genau dann zurück.
Warum Angst vor Nähe oft stärker ist als unsere Sehnsucht
Nähe fühlt sich für uns oft bedrohlich an. Denn wenn uns ein Mensch nahe ist, dann kann er uns sehen. Mit all unseren Macken und Fehlern, unseren Ängsten und unserer Unvollkommenheit. Er kennt die wunden Punkte wie kein anderer und legt scheinbar genussvoll seinen Finger in die Wunde.
Was wir in solch bedrohlichen Momenten oft vergessen, ist die Tatsache, dass dieser Mensch uns liebt, er uns im Normalfall helfen und nichts Böses tun will. Doch das können wir nicht mehr sehen. Es ist fast so, als ob jemand das Licht ausschaltet und es stockfinster um uns herum wird. Das Einzige, was wir noch wahrnehmen, ist die Gefahr, in der wir schweben. Und die fühlt sich existenziell an. Selbst dann, wenn es nur um die offene Zahnpastatube im Bad geht.
Und so zücken wir die Waffen und wundern uns, wenn unser Gegenüber dasselbe tut. Und schon ist aus vertrauter Nähe ein Kriegsschauplatz geworden, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt. Die Frage ist also, wer oder was die Macht über diesen Lichtschalter hat. Die Antwort finden wir in unserer Kindheit – aber sie ist vielleicht anders als du denkst.
Was unsere Kindheit mit der Angst vor Nähe zu tun hat
Ich erzähle dir wahrscheinlich nichts Neues, wenn ich sage, dass der Ursprung dieser unsinnigen Verhaltensweisen in unserer Kindheit zu finden ist. Wahrscheinlich tauchen bei dir sofort Gedanken wie Schutzmechanismus, Bindungsangst auf und vielleicht steigt auch ein leises Gefühl des Vorwurfs an deine Eltern auf. Ein Gefühl der Machtlosigkeit, denn die Erlebnisse der Kindheit können wir nicht mehr verändern.
Ich möchte in diesem Beitrag ganz bewusst deinen Fokus verschieben. Weg von dem Ausgeliefert-Sein, hin zu der Macht, die du über den Lichtschalter in Wahrheit hast. Denn obwohl du die Vergangenheit nicht mehr ändern kannst, liegt es in deiner Hand, das Gefühl, das durch die Erinnerung in dir aufsteigt, anders wahrzunehmen. Dazu müssen wir aber noch einmal einen Schritt zurückgehen.
Als Kind warst du rein faktisch von deinen Eltern abhängig. Sie haben dafür gesorgt, dass du zu Essen, zu Trinken und ein Dach über den Kopf hattest und dass es dir gut geht. In dieser Situation ist es vollkommen verständlich, dass unser Verstand penibel darauf geachtet hat, dass diese Versorgung erhalten bleibt. Sobald auch nur die kleinste Gefahr bestand, dass sich deine Eltern von dir abwenden könnten, ist die Alarmstufe auf Dunkelrot gesprungen. Entstanden sind Strategien, wie du die Aufmerksamkeit und die Liebe deiner Eltern wieder auf dich ziehen konntest. Zumindest war das der Plan.

Was uns früher geschützt hat, kann uns heute von echter Nähe trennen.
Die unsichtbaren Schutzmauern, die wir heute noch in uns tragen
Problematisch daran ist, dass unser Verstand noch heute sowohl diese kindlichen Strategien benutzt als auch die Verknüpfung mit den Gefühlen von damals aufrechterhält. Und so kann sich eben diese unbedeutende Zahnpastatube anfühlen, als ob unsere Existenz bedroht ist.
Aber nicht, wegen der Realität, sondern wegen des Gefühls aus der Kindheit. Wenn wir vor unserer Mama gestanden sind und der Boden unter unseren Füßen gebebt hat, weil wir gespürt haben, dass irgendetwas zwischen uns und ihr passiert ist, das ihre Liebe zu uns geschmälert hat. Wenn wir diese unbeschreibliche Angst gespürt haben, ganz alleine auf der Welt zu sein und niemand uns liebt.
Meine Vermutung ist, dass diese bodenlose Angst schon früher in den meisten Fällen wenig mit der Realität zu tun hatte, sondern vielleicht vielmehr mit einem anstrengenden Tag im Büro oder dem verständlichen Wunsch, einfach mal fünf Minuten für sich zu haben.
Aber selbst wenn dem nicht so war, ändert das nichts an der Tatsache, dass wir im Heute in der Regel vollkommen unangemessen auf eine Situation reagieren, die uns bedrohlich erscheint. Denn ob die Zahnpastatube offen daliegt oder der Deckel drauf ist, hat – rein faktisch gesehen – nichts mit einer bevorstehenden Gefahr zu tun. Auch wenn es sich für uns definitiv so anfühlt.
Die Herausforderung ist, dass wir bemerken, wenn der Lichtschalter ausgeht und unsere Gefühle blitzartig in uns aufsteigen. Dann heißt es: Den Notgriff ziehen. Am besten sofort. Hier sei erwähnt: Das wird am Anfang die meiste Zeit nicht funktionieren. Aber das Schöne ist, dass es nicht darum geht, die Situation perfekt zu meistern. Es geht erst einmal nur darum, Bewusstheit in die Situation zu bringen. Der Rest kommt dann nach und nach.
Das mag sich zu Beginn anfühlen wie eine Schnecke im Rückwärtsgang. Aber nimm dir mal die Zeit und beobachte Schnecken. Ich bin immer wieder beeindruckt, was für eine Wegstrecke diese kleinen Tiere mit ihrem Haus auf dem Rücken in relativ kurzer Zeit zurücklegen. Es ist nur eine Sache der Perspektive.
Warum wir Menschen oft wegstoßen, die uns wichtig sind
Solange wir in diesen unbewussten Automatismen gefangen sind, solange stoßen wir Menschen, die wir lieben vor den Kopf. Je öfter es uns bewusst wird, dass das Licht gerade wieder ausgegangen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir aus diesen Situationen aussteigen können.
Am Anfang ist es unglaublich schwierig, sich selbst inmitten einer scheinbar logischen Argumentation zu stoppen. Es fühlt sich nach einer klaren Niederlage an, wenn der andere auf seiner Meinung bestehen darf. Und es ist absolut nicht einfach, erst einmal den Raum zu verlassen, damit sich der Orkan in uns wieder beruhigen kann. Und damit meine ich nicht, dass wir diese Gefühle besänftigen oder beschwichtigen sollen. Das Wichtigste ist, ihnen Raum zu geben, damit sie sich durch uns hindurch bewegen können – aber ohne uns dabei im Drama zu verlieren.
Wenn uns das gelingt, immer wieder und wieder, dann verändert sich mit der Zeit das Kräfteverhältnis von Verstand und bewusster Wahrnehmung. Und wir haben immer öfter die Hand selber am Lichtschalter.

Auf dem Papier dürfen Ängste sichtbar werden, ohne bewertet zu werden.
Schreiben kann sichtbar machen, wovor wir uns eigentlich schützen
Wenn wir mitten in einer Situation sind, in der wir uns beide mit gezogenen Waffen gegenüber stehen und keiner auch nur einen Millimeter von seiner Wahrheit abrücken will, ist es oft sehr schwierig anders zu reagieren. Hier die gute Nachricht: Wir können diese Situationen auch im Nachhinein auflösen. Und das intuitive Schreiben ist eine einfache und sehr effektive Möglichkeit, das zu tun.
Denn wenn du dich schreibend auf diese Situation einlässt, vielleicht als unbeteiligter Beobachter oder indem du in die Rolle deines Gegenübers schlüpfst, wirst du bemerken, wie sich deine Einstellung zu dieser Situation verändert. Vielleicht erkennst du auch ein Muster, das dich schon lange begleitet. Und sobald uns Dinge bewusst werden, können wir mit ihnen arbeiten. Das bedeutet nicht, dass sie sich in Luft auflösen – dazu sind sie schon viel zu tief verwurzelt. Aber du kannst immer wieder wählen, dich anders zu verhalten. Und das verändert, wie du dein Leben erlebst. Ob du dich als Opfer wahrnimmst oder als Gestalterin.
Ein Schreibimpuls zum Thema Nähe
Der Satz, der mir in meiner Arbeit als Schreibtherapeutin am häufigsten begegnet, ist: ‚Das habe ich verstanden.‘ Und diese vier Worte sind ein Problem. Ein Fels, der mitten auf dem Weg liegt. Denn verstehen können wir viel, nur ändert das nichts. Denn der Verstand ist auf einer anderen Ebene.
Deshalb lade ich dich jetzt auf einen Schreibimpuls ein, in dem du eine Stufe tiefer gehst. Auf die Ebene, auf die unser Verstand keinen Zugriff hat. Hast du Lust dazu? Dann schnapp dir Papier und Stift, und lass dich auf den Prozess ein.
Schritt 1
Schließe für einen Moment deine Augen und geh ein wenig zurück, ein paar Stunden oder Tage – solange bis du eine Situation findest, in der du dich mit einem dir wichtigen Menschen gestritten hast.
Schritt 2
Durchlebe diese Situation noch einmal – aber ohne, dass du dich in den Gefühlen von damals verlierst.
Schritt 3
Stell dir dann die Frage: Worum ging es in diesem Konflikt? Vordergründig fällt dir die Antwort wahrscheinlich leicht. Geh dann noch einen Schritt weiter und frage dich: Was lag dahinter?
Schritt 4
Dann frage dich: Welches Gefühl war vordergründig zu fühlen und welches im Hintergrund?
Schritt 5
Schreibe dazu 10 Minuten alles auf, was sich dir zeigt. Stell dir davor dein Handy, damit du dich voll auf den Schreibprozess einlassen kannst. Und hör erst auf, wenn das Zeichen kommt. Viel Spaß dabei.
Echte Nähe beginnt dort, wo die Angst kleiner wird
Die Angst hält uns davor ab, uns wirklich auf Menschen und Situationen einzulassen. Wir malen uns in unseren Köpfen aus, wie eine Person auf unsere Worte reagieren oder was alles passieren könnte, wenn wir uns nicht vor dieser Nähe schützen.
Mir kam gerade das Bild eines Dominosteins. In dem Gedankenkarussell reißt der Dominostein – einmal angestoßen – alle anderen Steine mit sich um. Doch in der Realität steht dieser Stein nicht so nah bei den anderen, dass er eine Gefahr für sie darstellt. Außerdem hat dieser einzelne Dominostein eine enorme Standkraft.
Wenn wir darauf vertrauen und unseren Fokus in herausfordernden Situationen auf unser Inneres statt den anderen richten, wenn wir kleine Schritte nicht als Hindernis sehen, wenn wir Geduld und Mitgefühl mit uns – und mit den anderen – haben, dann wird aus tiefer Sehnsucht Realität. Und dann erleben wir vielleicht eine Nähe, die wir so noch gar nie erlebt haben.
Denn die Beziehungen zu anderen Menschen beginnen mit der Beziehung zu mir selbst. Bin ich mit mir verbunden, kenne ich meine Wünsche und Bedürfnisse, stehe ich für mich und meine Grenzen ein, dann verändert sich die Art und Weise, wie mich andere Menschen wahrnehmen und wie sie mit mir sind.
Meine stille 3-Tages-Reise Connect Yourself kann ein erster bewusster Schritt zu dieser inneren Verbindung sein. Und wenn du beim Lesen gespürt hast, dass das in Resonanz mit dir gegangen ist, dann lade ich dich zu dieser kleinen Schreibreise ein.
Dieser Artikel ist der letzte Teil einer dreiteiligen Reihe über Beziehungen. Begonnen haben wir bei der Beziehung zu uns selbst, weiter ging es mit der Beziehung zu anderen Menschen. Zum Abschluss ging darum, warum wir uns Nähe wünschen – und gleichzeitig Angst davor haben.

