Peter Stamm

24.August 2016

Lesung ‚Weit über das Land‘, Lütjenburg

Was wäre, wenn ein Mann – ohne Grund – seine Familie und sein Leben verlassen würde?

Diese Frage war der Ausgangspunkt für Peter Stamms neuen Roman Weit über das Land. Eine Geschichte, in der Thomas, der Protagonist, eines Abends wortlos aufsteht, sein Weinglas, seine  Familie und sein Leben hinter sich lässt. Ohne Grund.

Im Gegenteil, sind sie doch erst tags zuvor aus Spanien zurückgekommen, hatten zwei harmonische Ferienwochen miteinander verbracht, Thomas, Astrid und die beiden Kinder Ella und Konrad. Am nächsten Morgen, als der Vater nicht wie gewohnt am Frühstückstisch erscheint, ist schnell eine Ausrede gefunden, denn Thomas musste nach dem Urlaub einfach früher ins Büro. Auch beim Abendessen kann Astrid sein Nichtvorhandensein vor den Kindern entschuldigen. Sorgen macht sie sich keine. Warum auch? Hatte sich Thomas nicht selber immer als einen Durchschnitts­menschen bezeichnet? Selbst am nächsten Tag, als sie ihn bei seiner Sekretärin krank meldet, macht sich Astrid keine Sorgen. Vielmehr ist sie gelähmt vor Angst, da sie weiß, dass Thomas nicht mehr zurückkommen wird.

Die Suche nach dem Vermissten bleibt ergebnislos, bis sich Astrid auf eigene Faust auf den Weg macht. In einem Wirtshaus auf einer Passhöhe stösst sie dann auf seine Spur. Thomas hatte hier ein paar Stunden zuvor eine Rast eingelegt. Der Zuhörer erfährt mittels Rückblende von diesen Stunden, in der sich Thomas zum ersten Mal einsam gefühlt hatte, denn er war nicht länger ein Teil der Gesellschaft. Von diesem Ort aus hatte er sich weiter auf seine Reise gemacht, dem Ziel entgegen, das er beinahe schon erreicht hatte.

Welches Ziel das gewesen und wie die Suche von Astrid weiterverlaufen ist, hat der Autor an diesem Abend nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Der Leser sollte sich bei diesem Roman auf zwei widersprüchliche Varianten für das Ende einlassen können, seinen Gedanken freien Lauf lassen, auch wenn es nicht rational erscheint. Peter Stamm will nicht erklären, er will irritieren und damit Diskussionen anregen. Beim Publikum und in den Köpfen. So verwundert es nicht, dass die Ausgangsfrage in dem Roman unbeantwortet bleibt.

Peter Stamm war das erste Mal vor sieben Jahren zu Gast in Lütjenburg. Wer weiß, vielleicht kommen wir 2023 wieder in den Genuss.

(Ehrenamtlicher Beitrag für den Kleinen Kulturkreis Lütjenburg, Rubrik Nachlese – Foto: Gaby Gerster)

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