Essay | Des Glückes Schmied

Juli 2015

Oder welchen Einfluss haben wir auf das Glück und können wir danach suchen?

Vollkommen sicher kann das wohl niemand beantworten – denn wer weiß schon was passiert wäre, wenn wir uns für den anderen Weg entschieden hätten? Niemand – und deshalb kann der Mensch nur Überlegungen anstellen und sich mittels der Philosophie auf die Suche nach der richtigen Antwort machen. Doch auch hier hat keiner den Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Da gibt es wohl ein Gefühl, von dem wir uns leiten lassen können. Für den einen ist es ganz deutlich zu enträtseln, für den anderen ergeben sich tausend Fragen und wieder ein anderer ist nicht einmal in der Lage es überhaupt zu spüren. Liegt des Rätsels Lösung dann vielleicht genau in diesem Gefühl? Ist derjenige glücklich, der dieser inneren Stimme, seiner inneren Landkarte folgt, ohne sich von den Normen der Gesellschaft verunsichern und beeinflussen zu lassen? Kennen sie solch einen Menschen? Ich muss lange überlegen, und komme doch nicht zu einem endgültigen Schluss. Mir fallen ein paar wenige Personen ein, die ich als nahezu glücklich bezeichnen würde, aber auch bei ihnen gibt es Momente, die nicht voller Glück sind.

Ist Glück nun allgegenwärtig oder taucht es nur ab und an auf, durchbricht wie ein Fisch die Wasseroberfläche, um sich von Zeit zu Zeit die Lungen (beim Fisch ja nun eher die Kiemen) voll Luft zu pumpen – um gleich darauf wieder abzutauchen, immer tiefer in die undurchsichtige Dunkelheit? Ist das das Glück? Und wie sollen wir uns dann bitte als dessen Schmied ausweisen? Selber in die Fluten springen und ihn einzuholen versuchen? Um dann was zu tun? Ihn festzuhalten und mit an Land zu nehmen? Um ihn in ein adrettes Aquarium zu setzen und ihn so nie mehr aus den Augen zu verlieren? Doch was passiert dann mit ihm? An Land werden wir wohl nicht sehr lange mit ihm Freude haben, mit dem letzten Zucken wird auch das Glück verschwunden sein. In einem Aquarium hingegen ist er wohlbehütet, muss sich keine elementaren Sorgen machen, kann einfach seine Runden ziehen – doch kann Glück in solch einer sterilen Umgebung überhaupt erblühen?

Was ist nun Glück?

Ist es dieser Moment, wenn ich einen Löwenzahn entdecke, der sich durch die Asphaltschicht gearbeitet hat und seinen gelben Kopf stolz in die Luft erhebt? Ist es ein Lächeln, das sich auf einem Gesicht zeigt, das zuvor traurig war? Ist es der betörende Duft, der sich von den Rapsfeldern über die Gegend legt?

Was ist Glück?

Kann ich es festhalten? Kann ich es beschreiben? Oder entzieht es sich mit jedem Wort, bis nur noch eine leere Hülle vor uns liegt?

Was ist Glück? Und wie können wir zu ihm gelangen?

Ich kann mich auf die Suche nach einem Ort begeben, nach einem Menschen. Doch wie erfolgsversprechend ist das Glück-Finden-Vorhaben? Ich begebe mich mit einer klaren Vorstellung auf die Reise. Doch woher kommt diese Vorstellung? Woraus setzt sie sich zusammen? Kann ich mir etwas anderes vorstellen als ich schon kenne? Ist es möglich mir darüber hinaus etwas vorzustellen?

Was ist Glück?

Gibt es überhaupt eine Vorstellung davon? Oder ist vielmehr eine jede blosses Pappmasche-Gerüst? Müssen wir uns tatsächlich darauf verlassen, dass uns das Glück zum richtigen Zeitpunkt schon ereilen wird? Gibt es wirklich nichts anderes zu tun?

Bleiben wir doch einfach einmal stehen, beobachten was um uns herum alles passiert. Da sitzt eine Amsel in der Abendsonne auf einem Dachgiebel und lässt uns an ihrem melodischen Gesang teilhaben, da glitzern nach einem Frühlingsregen hunderte von kleinen Perlen an einem blühenden Apfelbaum, ein kleiner Spatz vergnügt sich mit einem ausgiebigen Sandbad, eine Eidechse lässt sich auf einem Stein von der Sonne verwöhnen.

Was ist Glück?

Erwarten wir vielleicht zu viel? Sollten wir den Masstab ändern, ihn nicht mehr auf unser Denken beschränken, sondern uns auf etwas Neues einlassen? Wie das aussehen wird? Wer weiss das schon. Niemand. Aber hätten sie sich ihr Glück, bevor es in ihr Leben trat, denn vorstellen können? Kam es nicht vielmehr auf ganz leisen Sohlen herangetreten und war dann plötzlich da. Ganz unscheinbar und still. Doch was ist passiert als sie es dann bemerkten, darauf aufmerksam wurden? Wollten sie es nicht festhalten, in Worte fassen und es beschreiben?

Was ist Glück?

Ist es ein Gefühlszustand? Kommt es aus unserem Inneren oder kommt es doch von Außen? Wohin geht es, wenn es sich auflöst? Warum hinterlässt es oft eine Leere in unserem Leben? Liegt es an dem Verlangen es festhalten zu wollen? Gibt es diese Leere auch wenn wir vollkommen unschuldig einen glücklichen Moment geniessen, ihm nicht bewusst gewahr werden, sondern einfach nur sind?

Hat Glück etwas mit Zeit zu tun? Sind Menschen die Zeit haben glücklicher? Zeit, Essen, Trinken, Jugend – alles im Übermass vorhanden; könnten uns schlaraffenlandähnliche Zustände glücklicher machen?

Kann ich dem Glück die Tore öffnen? Kann ich mich auf seine Ankunft vorbereiten? Es willkommen heißen?

Hat Glück etwas mit Wahrnehmung zu tun? Und wenn ja, um welche Wahrnehmung handelt es sich dann? Kann es sich in einer umtriebigen Stadt unter Millionen von Menschen zeigen oder gibt es dort zu viele andere Events, die dieses zarte Geschöpf zur Seite drängen? Kann ich es zwischen den Häuserschluchten finden, findet es dort den Weg zu mir? Wer weiss das schon.

Ein Blick auf eine Wasseroberfläche, die vom Wind leicht gekräuselt wird, kann mich glücklich machen. Für einen Moment. Ist Glück allgegenwärtig oder ist es nur eine Momentaufnahme? Fliegt es frei in der Atmosphäre – mal hier hin, mal dort hin – oder entsteht es erst, wenn die richtigen Essenzen zusammenkommen? Was bewirkt sein Auflösen? Ist es ein Zauber, der nur eine gewisse Zeit wirkt oder ist unser Verhalten der Grund hierfür, der Auslöser zum Auflösen? Würde es weiter bestehen, wenn wir es nur betrachten könnten ohne zu denken? Ohne es mit dem gestrigen Glück vergleichen zu wollen? Würde es sich immer noch an der selben Stelle befinden, sich nicht verändern, einfach nur vorhanden sein?

Was ist Glück?

Gilt es für alle gleichermaßen oder gibt es Unterschiede im Glücklich-Sein? Ist ein Mensch privilegierter als der andere, hat eine Rasse, eine Kaste mehr Recht auf Glück? Gibt es ein 2. Klasse-Glück?

Können die Goldräusche, die sich seit dem 17. Jahrhundert über die gesamte Erdkugel wie ein Fieber ausgeweitet haben, als Glücksrausch bezeichnet werden? Kann uns eine Materie glücklich machen? Hat Glück mit Wohlstand, mit Reichtum zu tun? Oder ist Glück vielmehr ein Seins-Zustand, der von ganz anderen Dingen abhängig ist?

Was ist Glück?

Haben wir Menschen mit der Vertreibung aus dem Paradies das Anrecht darauf verloren? Ist es deshalb so schwer es zu halten? Haben wir immer noch nicht unsere Lektion gelernt, dem Leben einfach nur zu vertrauen ohne eine Sicherheit hierfür erhalten zu wollen? Warum fällt uns das so schwer? Warum gibt es immer noch den scheinbar unstillbaren Wunsch nach Erkenntnis?

Was ist Glück?

Hat es mit einem Menschen zu tun? Oder mit einem Ort? Kann ein anderer Mensch für mein Glück zuständig sein? Kann ich ihn dafür verantwortlich machen? Kann ein Ort der Grund für mein Glück sein? Oder ist es die Einstellung, die ich diesem Ort, dem Leben an sich entgegen bringe?

Was hat der Beruf mit Glück zu tun? Kann das Glück durch eine Aufgabe, eine Berufung in ein Leben treten und einer Seele fliegen helfen? Können wir nicht einfach in den Glücks-Modus wechseln? Doch wie würde dieser Modus wohl aussehen?

Was ist Glück?

Gibt es, wie bei der Liebe, einen Boten? Und wer ist dann dieser Amor des Glücks? Gibt er den nötigen Glücks-Impuls, der von Außen kommt? Wirkt dieser Impuls inspirierend und löst etwas in uns aus? Kann uns das eine ohne das andere glücklich machen oder bedarf es beider?

Müssen wir unser Leben selber in die Hand nehmen, die Verantwortung dafür übernehmen und uns selber über unsere Bestimmung klar werden, oder fällt es uns zu – ist alles nur ein Zu-Fall, den wir nicht beeinflussen können?

Was ist Glück?

Sind es tatsächlich nur chemische Substanzen, die uns eine rein wissenschaftliche Erklärung dieses Phänomens geben können? Oder bedarf es doch unseres Talentes, unseres eigenen Zutuns, dass wir Glück empfinden können? Kann ein Griesgram das Handwerk eines Glück-Schmiedes überhaupt erlernen oder versagt ihm dies allein seine individuelle Einstellung? Und kann eine Änderung dieser Einstellung einen Menschen wieder näher an das Glück führen, eine Schicksalswendung herbeiführen? Wäre dann das Sich-Selber-Erkennen, die Frage ‚Wer bin ich?‘ der Weg zum Glück?

Was ist nun dieses Glück?

Ist es das Gegenteil von Un-Glück? Ist die Kontrasterfahrung vielleicht sogar notwendig, um den Zustand des Glückes erst richtig schätzen zu lernen? Würde ein immer gleichbleibendes Glücksgefühl zu einem Orientierungsverlust führen? Gibt es das Glück ohne das Unglück? Bringt erst das richtige Maß das rechte Verständnis?

Was ist Glück?

Bedarf es vieler Menschen und bunter Eindrücke, oder wird der menschliche Geist von einem Übermaß überfordert, prallt dann alles irgendwann unreflektiert an ihm ab? Spielt Zeit doch eine entscheidende Rolle? Zeit zur Musse, Zeit um sich über etwas klar zu werden. Ist die Gemeinschaft nötig, um glücklich zu sein oder ist das alles nur eine Wunsch-Vorstellung?

Ist der Zustand, der durch Drogen erreicht wird das wahre Glück oder auch nur eine Illusion? Handelt sich dabei nur um künstliche Glücksmomente, die wir steuern können, um genau im richtigen Moment glücklich zu sein?

Was ist Glück?

Was hat es auf unsere Herzfrequenz, auf die Atmung oder die Muskulatur für einen Einfluss? Sind wir – im positiven Sinne – von unserem direkten Umfeld abhängig, können wir uns von den Glücksschwingungen der anderen erfassen, uns von einer Glückswelle zur nächsten treiben lassen? Können wir so das Glück weiter verschenken, ohne es festhalten zu müssen, da das Neue schon bereit steht? Können wir uns darauf einlassen und somit das Glück in unser Leben einlassen?

Ist es nicht allemal einen Versuch wert?

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Doris Hönig
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