Alte Schule Kühren

Januar 2014

Denkmalschutz und Tradition – Fluch oder Segen?

Andrew und Ralf sehen sich nicht als Besitzer der Alten Schule in Kühren an, sondern vielmehr als deren Hüter für eine bestimmte Zeit. Vor zehn Jahren wurden die beiden von Freunden auf das eingewachsene Gebäude in der Karkdoorstraat aufmerksam gemacht. Die zweiflüglige Eingangstüre, die heute die Besucher in die Diele einlädt, war damals, fast wie in Dornröschen, kaum auszumachen. Doch hinter meterhohen Brombeeren, Brennnesseln und Holundersträuchern, stiessen sie auf eine ehemalige Dorfschule, die in ihrer ursprünglichen Gestalt, zumindest von Außen, fast noch vollständig erhalten war. Seit 1820, als sie neben der ortstypischen Stallscheune aus dem 18 Jhr. entstanden ist, wurden an ihr keine nennenswerten Um- oder Anbauten vorgenommen, die nicht problemlos wieder rückgebaut werden konnten. Das Reetdach und die alten Fenster waren vollständig vorhanden und selbst der Schulgarten noch in seinen Ansätzen erkennbar. Die jahrelange Suche nach dem passenden Haus, fand in Kühren ein Ende und in den Köpfen der beiden Wahl-Schleswig-Holsteiner entstand eine Zukunftsvision, was aus diesem verwunschenen Gebäude werden könnte. Von Anfang an stand jedoch fest, dass die Schule ihren ursprünglichen Zweck, als einen Ort der Begegnung im Mittelpunkt des Dorfes, wieder erhalten sollte.

Die Leidenschaft für alte Dinge zeigt sich nicht zuletzt in der Berufswahl der beiden Männer. Ralf Popken, ein bekannter Sänger, Dirigent und Musikpädagoge der Barockmusik-Welt, ist seit 2008 in Lütjenburg als Kantor an der St.-Michaelis-Kirche tätig. Andrew Plumridge, gebürtiger Engländer, ist Orgelbauer und wurde schon in frühen Jahren in der Werkstatt seines Vaters, einem Restaurator, mit den alten Holzverarbeitungstechniken vertraut. Mit diesen Voraussetzungen machten sie sich auf einen langen, und teilweise mühsamen Weg.

Andrews Konzept ging von Außen nach Innen, d.h. zuerst wurde das Reetdach neu eingedeckt, dann ging es an die Fenster, die Mauerverfugung und schließlich in das Innere. Um möglichst schnell das Ziel Im-Provisorium-leben umsetzen zu können, stellten für ihn die ersten sechs Monate eine Doppelbelastung dar, denn nach dem 8-Stunden-Job folgten weitere 5-6 Stunden auf der Baustelle. Der Zeitplan war straff und Andrew gesteht: ‚In diesen Monaten bin ich um Jahre gealtert.‘ Um das begrenzte Budget einhalten zu können, mussten viele Arbeiten in Eigenleistung erfolgen. Am zeitaufwendigsten waren die Sprossenfenster, die in ca. 1500 Stunden mühevoller Kleinarbeit restauriert wurden, bevor sie wieder in dem Originalgrau erstrahlten. Doch auch der alte Schulsaal forderte viele Stunden, da die Vorbesitzer, ein altes Ehepaar, dort eine Ferienwohnung mit drei Zimmern, Küche und Bad eingebaut hatten. Die Helfer aus dem Freundeskreis, die teilweise sogar aus fernen Kontinenten angereist kamen, waren während der Bauzeit eine große Unterstützung und ohne die Power-Frauen, wie Andrew die 11 Chorfrauen lachend nennt, die mit Presslufthammer und Schaufeln tagelang Wände und Betonböden bearbeitet hatten, hätte sich die Baustelle wohl noch weiter in die Länge gezogen.

Die respektvolle Haltung, mit der Andrew und Ralf an die Sanierung der Alten Schule herangegangen sind, war sicherlich ein Grund, weshalb die direkte Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege so gut funktioniert hat. Obwohl die Fassade unter Denkmalschutz stand, wurde bewusst auf das Hinzuziehen eines Architekten verzichtet. Für Andrew, der in einem englischen Cottage aus dem 15 Jhr. aufwuchs, ist der Versuch die Konstruktion eines Gebäudes zu verstehen und – wo möglich – das Original zu erhalten, eine Selbstverständlichkeit. Sprechen Nutzung oder sonstige Gründe dagegen, gilt für den Engländer das Prinzip der Römischen Straße, so dass das Original nicht zerstört, sondern nur überbaut wird. Und trotzdem betrachtet er das Gebäude nicht als ein Museum, sondern als ein lebendes Denkmal, das in einer ähnlichen Weise wieder in seinen ursprünglichen Zweck eingeführt werden sollte. Für Kühren und die nähere Umgebung bedeutete dies, dass in unregelmäßigen Abständen Hauskonzerte, Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen in dem historischen Gebäude stattfanden und -finden.

Die Verantwortung für ein Gebäude, vorallem für ein Denkmal, hört für Andrew und Ralf jedoch nicht nach dessen Bezug auf, sondern beinhaltet ein regelmäßiges renovieren, sanieren und erhalten. Doch auch nach zehn Jahren heißt es im Obergeschoss immer noch für das Paar, sich mit Kabeltrommeln provisorisch in halb-fertigen Räumen zu arrangieren und die Frage ‚Können und wollen wir die nächsten zehn Jahre so weitermachen?‘ stand im Raum.

Bei der Antwort ging es jedoch nicht ausschließlich um finanzielle Aspekte, sondern auch um den nötigen Kraft- und Zeitaufwand, denn für Urlaub standen den Männern in den letzten 5 Jahren gerade einmal 4 Wochen zur Verfügung. Zu den Überlegungen der beiden zählte unter anderem auch der Verkauf – doch die Anzeige war kaum ein paar Stunden im Netz, als sich bereits besorgte Freunde nach ihren Gründen erkundigten. Die Anteilnahme und Hilfsbereitschaft, die sich wie eine Welle ausgebreitet hatte, überraschte die beiden Hausbewohner und es dauerte nicht lange, bis ein Konzept erarbeitet wurde, das es ermöglichen sollte, Ralf und Andrew weiterhin als die Hüter der Alten Schule zu behalten.

Es kristallisierten sich zwei separate Projekte heraus: das Projekt Alte Schule und das Projekt Scheune. Die Vorgehensweisen unterscheiden sich, doch in beiden Bereichen sollen Übernachtungsmöglichkeiten für die darbietenden Künstler entstehen. Das Startkapital für die Scheune, deren Bausumme sich nach ersten Kostenschätzungen auf ca. 240.000 € belaufen, wird durch ein Konsortium aus vier Parteien bereitgestellt, die damit ein Mitspracherecht in Gestaltungsfragen erhalten. Der Ausbau des Obergeschosses und der zukünftige Erhalt des Denkmals sollen hingegen durch die Gründung eines Vereines ermöglicht werden. Um dennoch Herr der Lage zu bleiben, werden Ralf und Andrew als Geschäftsführer eingetragen und der Verein ist nur für die Veranstaltungen verantwortlich.

Mit diesen juristischen Maßnahmen wollen die Beteiligten nicht nur das Finanzielle absichern, sondern auch ein Zeichen an den Denkmalschutz richten, um zu verdeutlichen, dass es für Privatpersonen oft nicht, oder nur unter schwierigen Bedingungen möglich ist, solch ein Gebäude denkmalgerecht erhalten zu können. ‚Wir wollen anderen Mut machen und auch die Hemmung nehmen, über diese finanziellen Schwierigkeiten ganz offen zu sprechen‘, betont Andrew. Das Eingestehen an seine Grenzen zu stossen, seien sie finanzieller oder körperlicher Art, kostet Überwindung. Doch weder Ralf noch Andrew hätten sich die positive Resonanz in ihrem Umfeld vorstellen können. Obwohl ihnen bewusst ist, dass sie in den historischen Räumen nur Gast auf Zeit sind, freuen sie sich, wenn die Prüfung durch das Steueramt abgeschlossen und der Gründung des Vereines Alte Schule Kühren nichts mehr im Weg steht.

Ein denkmalgeschütztes Gebäude bietet eine einzigartige Wohnqualität, bringt aber auch Einschränkungen mit sich. Wer nicht zu Kompromissen bereit ist, wie z.B. Andrew, der es von Kindesbeinen an gewohnt ist, bei starkem Ostwind den Tee statt im Esszimmer in der Stube einzunehmen, sollte sich diesen Schritt wohl überlegen. Der Einfluss, den die Alte Schule auf ihr Leben genommen hat, ist offensichtlich: Ralf hat sein Künstlerleben stark eingeschränkt und ist sesshaft geworden, und auch Andrew hat seinen Beruf als Orgelbauer gegen eine Stelle bei der St.-Michaelis-Kirche eingetauscht. Auf die Frage, ob sie es noch einmal wagen würden, kommt spontan: ‚Wir sind doch schon mittendrin!‘

Alte Schule Kühren, Andrew Plumridge, Denkmalschutz, Ralf Popken, Reetdach

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