Essay | Lebens-Fluss

Juni 2013

Anlässlich des 70. Geburtstages von Renate Brinckmann
(* 19. Juni 1943)

Alles fließt – zwei Wörter, selbstgewählt, die Dich nun seit vielen Monaten begleitet haben und eine Bandbreite von Bildern in Deinem Atelier entstehen ließen. Lebens-Fluss, ein zusammengesetztes Wort, das wohl für uns alle gleichermaßen bedeutungsvoll ist.

Am Anfang gibt es die Quelle, die ihren Weg als kleines Rinnsal beginnt und mit der Zeit immer größer wird, und an Kraft gewinnt, bis sie sich mancherorts zu reißenden Wassermassen entwickelt. Durch unsere Eingriffe wird ihr natürlicher Lauf oft gestört, und dem zu Folge kann sich die Natur nicht mehr selber regulieren und es kommt immer öfter zu verheerenden Überschwemmungen und Zerstörungen.

In diesem Haus wohnte Edith Wolff, genannt ‚Ewo‘ (1904-1997). Aufgewachsen in einem christlich-jüdischen Elternhaus gründete sie hier im Februar 1943 mit Jizchak Schwersenz und anderen untergetauchten jüdischen Freunden die Jugend-Widerstandsgruppe Chug Chaluzi. Am 19. Juni 1943 wurde Ewo verhaftet, sie überlebte 18 Konzentrationslager und Zuchthäuser.

Woher die Quelle, der Ursprung dieses Flusses kommt, können wir nur erahnen, ebenfalls wohin sie eines Tages entschwinden wird. Während sie sich an der Oberfläche aufhält, können wir sie hegen, uns gebührend um sie kümmern. — In den ersten Jahren sind wir noch auf Pflege von Außen angewiesen und können nicht ohne sie überleben. Später ist es dann ein Sich-Davon-Lösen, das oft schmerzhaft von statten geht. Der erste Schritt aus dem vertrauten Elternhaus führt uns in eine neue, fremde Welt und wir lernen mit jedem Tag auf unseren eigenen Beinen zu stehen und uns mit der Gruppe zu arrangieren.

Am 19. Juni 1948 veröffentlichten die Westmächte das ‚Erste Gesetz zur Neuordnung des Geldwesens‘. Mit der Währungsreform wurde in den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands die Deutsche Mark alleiniges gesetzliches Zahlungsmittel. Viele Geschäfte waren an diesem Tag wegen ‚Erkrankung‘ und ‚Umbau‘ geschlossen oder waren ‚ausverkauft‘, um dann am folgenden Tag ihre Schaufenster voll der schönsten Dinge zu präsentieren. Mit dem ausgehändigten Kopfgeld wurden spontan die unwichtigsten Luxusgüter gekauft, denn auf einmal gab es plötzlich wieder alles. 

Mit den Jahren verlieren wir dann immer mehr unsere Unschuld, die Erwartungen der Erwachsenen an uns erhöhen sich und somit auch die unseren. War die Zeit in der frühen Kindheit von einer gewissen Sorglosigkeit geprägt, so löst sich das Unbeschwerte immer weiter auf, gewinnt an Schwere, aber auch an Schärfe. Aus dem ausschliesslichen WIR entwickelt sich ein ICH, mit dem sehr sorgsam umgegangen werden muss, um ihm nicht Verletzungen zuzufügen, die schwer oder gar nicht mehr zu heilen sind. Aus dem Rinnsal ist ein kleiner Bach geworden, der jedoch erst ganz leise, ganz ruhig vor sich hin plätschert.

Görlitz, 19. Juni 1953. Stefan Weingärtner und ein weiterer Jugendlicher werden von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode durch Erschiessen verurteilt. Begründung: ‚Aktive Beteiligung an den gegenrevolutionären Demonstrationen zum Sturz der DDR am 17. Juni 1953.‘ Am 5. Oktober 1953 wurde das Urteil auf 25 Jahre Arbeitslager umgewandelt und im Oktober 1956 dann durch den ‚Gnadenentscheid des Präsidenten der DDR‘ auf zehn Jahre Haft reduziert.

Doch das Plätschern wird zusehends lauter, das Ausmaß des Baches nimmt zu, wird größer, verbreitert sich. Wir müssen unser eigenes Tempo daran anpassen und lernen damit umzugehen. Der Druck erhöht sich, die Sorgen werden zahlreicher und wir spüren deutlich, dass uns der Weg in einen neuen Lebensabschnitt führt. Vieles löst sich auf und Neues entsteht, wir gehen vorwärts und wissen gleichzeitig, dass wir etwas zurücklassen müssen.

Am 19. Juni 1958 gründete sich in Würzburg der ‚Theaterbauverein‘, der es sich wegen der Zerstörung des alten Stadttheaters von 1945 zur Aufgabe gemacht hatte, dem Theater wieder eine Stätte zu bereiten, die der Tradition und Bedeutung der Stadt als kultureller Mittelpunkt des Frankenlandes würdig ist.

Für den einen beginnt hier schon das Leben an Ernst zu gewinnen, nach einer Ausbildung heißt es, sich um den Lebensunterhalt zu kümmern. Andere wiederum dürfen noch etwas länger ein unbeschwertes Leben genießen und sich dem Studium widmen. Doch auch für sie hat ein neuer Abschnitt begonnen, und aus dem Bach ist ein Fluss geworden, der sich gemächlich durch die Landschaft zieht.

Die Konklave der Kardinäle begann am 19. Juni 1963, aus der nach dem fünften Wahlgang Papst Paul VI., der 262. Papst der römisch-katholischen Kirche hervorging. Ihm wird eine prägende Rolle für den Verlauf des Zweiten Konzils zugesprochen, gilt daher oft als der eigentliche ‚Konzilspapst‘, der einen entscheidenden Einfluss auf die Neufassung des nachkonziliaren Gesetzbuches Codex Iuris Canonici von 1983 ausübte.

Dieser Abschnitt hat auch oft einen Ortswechsel zur Folge und wir begegnen neuen Menschen und vielfach entstehen Verbindungen, die uns viele Jahre begleiten werden. Es kann eine Zeit sein, in der sich der Geist öffnet, sich neue Gedanken bilden und Ideen entstehen.

Der Prediger Ralph D. Abernathy, Nachfolger aber vorallem bester Freund Martin Luther Kings, hielt am 19. Juni 1968 die große Abschlussrede, mit der die Demonstrationen zwischen dem Washingtoner Monument und dem Lincoln Memorial beendet wurden. Mehr als 50.000 Menschen waren an diesem Tage in die US-Hauptstadt gekommen, um gegen die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weissen in den USA zu demonstrieren. Nach monatelangen Unruhen, die sich im ‚March on Washington‘ von März bis Juni 1968 in der Stadt ausgebreitet hatten, kehrte langsam der Frieden in die Bürgerrechtsbewegung zurück.

Allmählich nimmt das Tempo zu, oft muss Familie und Beruf unter einen Hut gebracht werden, die Ansprüche werden vielzähliger und das ICH muss sich wieder etwas zurücknehmen. Wir wachsen mit unseren Aufgaben, vollbringen Dinge, die wir uns vorher nicht zugetraut hätten und sind stolz auf das Vollbrachte. Doch heißt es vor lauter Trubel nicht das gesunde Zeitmanagement aus den Augen zu verlieren – und noch viel weniger die Träume.

Am 19. Juni 1973 feierte im kleinen Saal des Royal Court Theatre in London das Musical ‚Rocky Horror Show‘ seine Premiere. Das Musical, indem die Wert- und Moralvorstellungen eines jungen Paares in einer stürmischen Nacht auf den Kopf gestellt werden, kann bis heute seinen Kultstatus halten.

Nicht selten wird die Strömung ganz unbemerkt stärker, zieht uns gewaltsam mit sich, bis wir nicht mehr wissen, wie wir uns an der Oberfläche halten können und genug Luft zum Atmen bekommen. Vielleicht wurde das ICH auch zu sehr und zu lange in den Hintergrund gedrängt, hat mit der Zeit verlernt sich zu behaupten. — Und wieder ist es ganz deutlich zu spüren: Veränderung liegt in der Luft. Doch können wir es oft noch nicht in klare Worte fassen, sondern verspüren nur eine Unsicherheit, eine leise Unzufriedenheit in uns.

Der Spiegel, 19. Juni 1978: Allein Leben, die neue Freiheit. Ob es daran liegt, dass die Ehe eine ‚Schule der Einsamkeit‘ geworden ist, in der man aber nicht genug lernt, wie Arthur Schnitzler meinte, oder daran, dass die jahrhundertealte ‚Bindungsangst der Männer … nun auch noch von den Frauen praktiziert wird‘, wie Günther Grass schrieb, die Statistik jedenfalls lässt vermuten: Die Paar-Gesellschaft scheint von einem Spaltpilz befallen zu sein. Immer mehr Bundesbürger halten nichts vom Bibelwort: ‚Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei‘ (1. Mose, 2, 18)…

Manchmal taucht – ganz unerwartet – in der Lebens-Mitte ein tosender Wasserfall auf, der uns ruckartig aus dem geruhsamen Dahinfließen reißt und uns in die Tiefe stürzen, für einen Moment die Orientierung verlieren lässt. Doch ist dieser Vorgang, dieser Sturz in die Ungewissheit, oft nur auf den ersten Blick angsterregend und wird beim zweiten Blick schon sinnvoller, und bei jedem weiteren verliert sich das Schreckliche und zeigt sich Nützliche. Vielleicht verlassen wir vertraute Gefilde, wenden uns von Menschen ab, die uns viele Jahre begleitet haben – und doch sind diese Veränderungen nötig, um zurück zu uns selber zu finden. Diese Phase könnte auch als ein zweiter Ablöseprozess bezeichnet werden, in dem der bisherige Lebensentwurf hinterfragt – und manchmal eben verworfen werden muss. Ein Sich-Besinnen und ein Neu-Orientieren findet statt, und lässt oft einen anders-denkenden und -fühlenden Menschen daraus hervortreten.

Die ‚Feierliche Deklaration zur Europäischen Union‘ wird am 19. Juni 1983 als Absichtserklärung vom Europäischen Rat in Stuttgart unter dem Vorsitz der BRD verabschiedet. Der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl betont die Notwendigkeit, die Einigung Europas mit neuer Kraft voranzutreiben.

Ist dieser Höhenunterschied, der freie Fall erst einmal überwunden, dann kommen wir wieder in ruhigere Gewässer und der Lebens-Fluss entspannt sich merklich. Wir beginnen oft von vorne und ordnen die Karten neu. Die Menschen, die uns nun umgeben, können sich von den vorigen unterscheiden und auch unsere Ziele mögen sich verändert, die Werte sich verschoben haben. Manchmal scheint es fast, als ob sich der Strom ein neues Flussbett gesucht hat, in dem er seinen Weg – auf eine ganz andere Art und Weise – gelassen fortsetzen kann.

Bei den in Polen abgehaltenen Kommunalwahlen vom 19. Juni 1988 ist die Wahlbeteiligung extrem niedrig. Landesweit geben nur 56% der Wahlberechtigten ihre Stimme ab … Politische Beobachter werten die geringe Wahlbeteiligung als Ausdruck des Protestes der polnischen Bevölkerung gegen das kommunistische Regime.

Der Lauf hat sich verändert, die Zeit hat eine andere Bedeutung erhalten. Was vorher wichtig erschien, ist mit einem Male bedeutungslos geworden. Konnte es zuvor nicht umtriebig und laut genug sein, so suchen wir jetzt eher die Ruhe und Einsamkeit. Die Rückbesinnung auf das Wesentliche hat begonnen und wird uns noch einige Zeit begleiten.

Wuppertaler Nachrichten vom 19. Juni 1993. Nächtliche Bürger-Patrouille nach Brandanschlägen: Bewegungen in den Stadtteilen. Immer mehr Menschen mit und ohne deutschen Pass weigern sich, nach den Brandanschlägen in Solingen, Hattingen, Wülfrath und in der Wuppertaler Helmholtzstrasse zur Tagesordnung überzugehen und allein auf die Polizei zu vertrauen. In Wuppertal haben sich mehrere Bürgergruppen gebildet, die versuchen, Schutzmaßnahmen zu organisieren.

Mit gemächlichen Schritten gehen wir weiter, lassen uns treiben und vertrauen immer mehr auf die Strömung. Die Steine, die uns vormals oft den Weg versperrten oder zumindest erschwerten, werden weniger und verschwinden schließlich fast vollständig.

Junge Freiheit vom 19. Juni 1998. Die Asien-Krise ist neu aufgelebt und hat eine neue Qualität erreicht. Kaum waren die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Indonesien überwunden, ist aus der kleinen Grippe eine ausgewiesene Krankheit erwachsen, wie man es aus den Börsenindizes unschwer ablesen kann … auch Japan, die zweitgrößte Weltwirtschaftsmacht, ist von einer nachhaltigen Rezession betroffen. Das ist nicht nur an den Börsen ablesbar, sondern auch an der aktuellen Selbstmordstatistik … Die Zahl der Selbstmorde wegen finanzieller Probleme und wirtschaftlicher Sorgen hat sich gegenüber dem Jahr 1990 verdreifacht.

Nicht mehr lange, dann ist ein wesentlicher Lebensabschnitt vollbracht, und der Alltag wird sich ändern und uns plötzlich viel Zeit zur Verfügung stellen. Zeit, die wir sinnvoll nutzen wollen, doch Sinnfälligkeit kann nicht von einem Tag auf den anderen einfach umgesetzt werden, sondern will erlernt, sie will erlebt worden sein. Je näher wir uns selber sind, desto leichter wird es uns fallen, in ein Leben ohne Zwang, ohne Routine wechseln zu können und ohne dabei in eine beängstigende Leere zu fallen.

19. Juni 2003, Marrakesch Prozess. Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im September 2002 wurde die Entwicklung eines Zehn-Jahres-Rahmen zur Verankerung nachhaltiger Grundsätze bei Konsum und Produktion beschlossen. Eine Konkretisierung dieses allgemeinen Zieles wurde auf der Internationalen Startkonferenz in Marrakesch vom 16.-19. Juni 2003 vorgenommen … Der Prozess umfasst Programme zu nachhaltigem Konsum und nachhaltiger Produktion (Lebenszyklusanalyse, Umweltzeichen, Ökodesign, etc.). Er soll von den Industrieländern angeführt und finanziert werden. Im Abstand von zwei Jahren wird auf internationalen Konferenzen über den Fortschritt des Prozesses berichtet.

Mit dem Eintritt in den Austritt ändert sich unser Leben wahrscheinlich zum letzten Mal in einer spürbaren Weise. Wir hatten lange Zeit uns hierauf vorzubereiten. Wenn wir Glück haben, dann dürfen wir diese Phase unseres Lebens mit lieb gewonnenen Menschen teilen. Doch uns ist die Begrenztheit in den letzten Jahren immer öfter vor Augen geführt worden, mussten wir doch bereits von vielen Freunden und Bekannten Abschied nehmen. Dieses Bewusstwerden lässt mit einem Male Fragen auftauchen: Was habe ich erreicht und was möchte ich noch erreichen? / Wer bedeutet mir wirklich etwas, mit wem möchte ich meine restliche Zeit verbringen? / Gibt es noch etwas zu regeln?

Readers Edition, Wer brach den Waffenstillstand? In der Öffentlichkeit wird oft die Frage gestellt, wer den Waffenstillstand vom 19. Juni 2008 zwischen der Hamas und Israel brach. Die ‚Tahdiya‘ wurde erstmals durch den islamischen Jihad am 24. Juni 2008 gebrochen, der als Vergeltungsaktion zu einer Aktion der Israelis in der Westbank (die nicht zur Waffenstillstandszone zählt), drei Quassam-Raketen nach Sderot feuerte. Daraufhin schloss Israel die Grenzen zum Gaza-Streifen …

Die Endlichkeit tritt nun immer deutlicher in unser Leben, der Fluss ist breit, fließt gemächlich dahin und nähert sich langsam seinem Endpunkt. Doch diese Fragen sollten uns nicht erst im letzten Drittel des Lebens beschäftigen, sondern schon lange in unserem Lebens-Fluss enthalten sein – denn desto ruhiger kann er seinen Weg fortsetzen.

19. Juni 2013: 70. Geburtstag einer ganz besonderen Frau, deren Lebens-Fluss hoffentlich noch sehr lange ruhig dahin fließen wird – wobei zu ruhig eben auch nicht, sonst wird es vielleicht doch etwas langweilig. Herzlichen Glückwunsch liebe Renate!

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